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Gossensass, you took my heart

Wir parken vor einem großen Gebäudekomplex, der so gar nicht in dieses Dorf passen mag. Er sieht vielmehr aus wie eine große Meraner Ferienvilla aus dem Fin de Siècle. Imposant und zerbröckelnd. Ein letztes Überbleibsel, denn viel ist nicht geblieben vom einst mondänen Luftkurort Gossensass. Das Grand Hotel – damals erstes Haus am Platz, hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Die meisten Fensterläden sind verschlossen, die Eingangstüre sowieso. Am Klingelschild unzählige italienische Familiennamen. Überhaupt wären auch wir hier vorbeigefahren. Die Färbergasse liegt nicht an der Hauptstraße, die einst so wichtig war weil sie den Norden mit dem Süden verband. Wer diese Adresse nicht sucht, kommt nicht zufällig dran vorbei. Vor einigen Monaten haben wir, auf der Suche nach einer bezahlbaren Ferienwohnung in Südtirol, eine Immobilienanzeige gesehen, die in genau diesem Hotel ein kleines Appartement anbot.

Die Sonne lacht (uns aus – fühlt sich zumindest so an). Wir ärgern uns, dass wir damals nicht mehr Interesse hatten. Das kleine Appartement ist längst vom Markt. Über uns hören wir das monotone Rauschen der Autobahnbrücke, die sich über das Tal spannt. Unheimlich finde ich, beeindruckend sagt Markus und erklärt unserem Sohn, vor welch wichtigem Bauwerk er sich gerade befindet. Der Zweijährige gibt sich interessiert.

Gossensass in Südtirol
Den besten (vielleicht weil auch einzigen) Espresso im Dorf und den besten Blick in die Seele des Ortes bekommt man im Café direkt am Ibsenplatz.

„Vom Norden des Berglands hat es die kühlen Wasser und die frischen Lüfte, vom Süden den Glanz, der ahnungserweckend über die mittäglichen Jöcher herüberscheint.“

Gedenktafel für Henrik Ibsen

Gossensass am Fuß des Brenner – touristisch hat dieser nördlichste Teil des Eisacktals (der eigentlich auch eher zum Wipptal gehört) schon bessere Zeiten erlebt. Zum Ende des 19. Jahrhunderts, mit warmen Quellen im benachbarten Brennerbad und dem Titel eines Luftkurortes hat es nicht nur den österreichischen Kaiser sondern auch den berühmten Schriftsteller Henrik Ibsen beherbergt. Und irgendwie ist dieser Ort steckengeblieben in dieser Vergangenheit, hat sich der Gegenwart abgewandt. Ein Ort, der sehnsüchtig zurück blickt und diese Sehnsucht in meinem Herz hinterlässt.

Wir sitzen im einzigen Café am Marktplatz. Die Herbstsonne wirft lange Schatten und ich spüre eine süße Bitterkeit in mir. Dieser Ort ist so widersprüchlich, so gefangen in Gegensätzen. Hinter uns der Brenner – wichtiger Transitpass, Tor zum Süden, schroff und karg. Vor uns liegt das Eisacktal, Italien, das süße Leben. Wir sitzen also auf Plastikstühlen, die abwaschbare Tischdecke von der Sonne gebleicht und trinken Espresso. Suchte man ein Bild für diesen Ort – hier wäre es.

Hier sitzen wir und schauen die Hauptstraße hinab als blickten wir in eine klaffende Wunde. Ein Alimentari, der geschlossen hat. Eine Bäckerei, von der kaum vorstellbar ist, dass sie je geöffnet hatte. Weiter oben, das Caffè Restaurant Nussbaumer mit den Leuchtstoff-Buchstaben der 60er Jahre. An den Gebäuden, ihren Schildern und Schriftzügen kann man die vergangenen Jahrzehnte regelrecht ablesen, wie an einem Zeitstrahl. Weiter unten beim Tourismusverband wird gebaut. Und über allem thront, als hätte sie damit rein gar nichts zu tun, diese riesige Betonbrücke.

Will man Südtirol verstehen, muss man hier anfangen. Nicht in Brixen, Meran oder Bozen sondern hier, am Fuße des Brenner. Muss am Ibsenplatz sitzen, den Berg im Rücken, Italien im Blick und ein Brennen im Herzen.

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