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Mit dem Rennrad um die Sella Gruppe

Die Sella Ronda mit dem Rennrad – ein Erfahrungsbericht

Eigentlich wollte ich nur ganz locker einen Pass, das Sellajoch, mitfahren. Eigentlich wollte ich danach gemütlich ins Hotel in St. Christina zurückkehren und den Sellaronda Bike Day anderen überlassen. Eigentlich war ich nicht richtig gekleidet für eine Rundfahrt über vier Dolomiten-Pässe. Aber dann ist es doch passiert – irgendwo zwischen Wolkenstein und dem ersten Passziel hat es mich gepackt. Ich war fit, fühlte mich gut und so beschloss ich, die komplette Runde um das Sellamassiv zu fahren (übrigens gegen den Uhrzeigersinn). Es war unfassbar kalt und am letzten Pass, dem Grödnerjoch, auch ziemlich schmerzhaft. 72 lange Kilometer, 2200 Höhenmeter und 6° Minimal-Temperatur. Egal, denn was am Ende bleibt, ist mein persönlicher Rennrad-Saisonhöhepunkt 2015.

Von St. Christina aufs Sellajoch (Passo Sella)

Es begann alles recht harmlos. Wir hatten uns in Sankt Christina in einem Budgethotel eingemietet und begannen den Tag mit einem Frühstück um 7:30. Als wir nach langem Hin und Her, “Was ziehe ich an?”, “Was nehme ich mit?”, Checkout usw. endlich unsere Räder aus dem Radraum holten, standen die dort ganz verlassen. Alle anderen Rennrad-Fahrer waren natürlich längst unterwegs. Also machten auch wir uns auf den Weg in Richtung Wolkenstein, wo der Sellaronda Rundkurs offiziell startet. Leider waren trotz offizieller Aussagen die Zufahrtstraßen dorthin noch nicht für den Verkehr gesperrt, so dass das unbegrenzte Bike-Feeling erstmal noch durch Autos gestört wurde. In Wolkenstein war aber definitiv Schluss damit und wir fuhren den ersten langen Anstieg hinauf zum Sellajoch. Begleitet wurden wir vom regelmäßigen Piepsen meiner Pulsuhr und von unzähligen anderen Radfahrern, auf Rennrädern, Mountainbikes und Trekkingrädern. Und so überholten uns einige Pros und Euros (Bikeday =Materialschlacht) auf dem Weg zu unserem ersten Zwischenziel, dem Passo Sella. Dort angekommen, warfen wir uns erstmal alle verfügbare Zusatzkleidung (Fleecejacke, Wolljacke, Softshell, Handschuhe) über. Doch die Kälte konnte das großartige Gefühl oben auf der Passhöhe nicht trüben. Die ersten 850 Höhenmeter fühlten sich auf jeden Fall an wie ein Kinderspiel. Kurze Pause, trinken, Foto vor dem Sellajoch-Passschild machen…

Am Sellajoch (Passo Sella)

Passfoto Sellajoch

Vom Sella Joch auf den Pordoi Pass (Passo Pordoi)

Mein Gipfelglück konnte ich leider nur kurz genießen – mein Freund mahnte zum Aufbruch. Erholung war angesagt auf der 6 Kilometer langen Abfahrt Richtung Canazei. Mangels guter Abfahrt-Technik dauerte das länger als geplant oder von so manchem Mitfahrer gewünscht. Wie für einen Rundkurs üblich, erwartete uns am Ende der Abfahrt der nächste Anstieg hinauf zum Pordoi Pass. Auch hier erscheint mir die Steigung absolut moderat. Der Weg ist gut befahrbar und da wir so spät losgekommen sind, gibt es auch wenig Gedränge am Berg. So meistern wir Meter um Meter und nehmen auch bald den nächsten Pass auf unserer Rundtour ein. Am Passschild herrscht das gewohnte Gedränge der Pässesammler – wir mischen uns natürlich darunter. Passfoto? Check! Noch schnell nen Riegel – weiter geht’s…

Gedränge am Passschild Pordoi Pass

Am Passschild des Pordoi Pass

Vom Passo di Pordoi auf den Campolongo Pass (Passo Campolongo)

Die zweite Abfahrt meiner Sella Ronda hat es in sich. Es wurde plötzlich wahnsinnig kalt und wir fuhren komplett durch eine Wolke durch ins Tal. Anhalten – letzte verfügbare Schicht Kleidung anziehen – weiterfahren. Meine Hände waren trotz Handschuhe steif vor Kälte. Dennoch überholten mich immer noch viele Fahrer in Kurz-Kurz. In Arrabba angekommen trat ich in den Streik – ich brauchte was Warmes – am besten mit viel Koffein für den bevorstehenden Anstieg. Mein Freund erbarmte sich und spendierte einen großen Latte Macchiato und hej – nach 15 Minuten spürte ich meine Füße wieder und es konnte weitergehen. Der Wirt, der mir meinen Latte servierte, meinte noch, der nächste Berg sei ein Kinderspiel und überhaupt nur drei Kilometer lang. Dass er dafür aber gefühlt viel steiler ist, verschwieg er mir. Ich biss die Zähne zusammen und überholte sogar einige Fahrer hinauf zum nächsten Ziel der Sellaronda, dem Campolongo Pass. Spätestens hier war das Passfoto Routine und Tradition zugleich geworden. Gleiches galt übrigens auch für das Ziehen in meinem Oberschenkel.

Rennradfahrerin Campolongo Pass

Passbild Campolongo Pass

Endspurt aufs Grödnerjoch (Passo Gardena)

Nun wieder in gewohnter Manier Buff und weitere Schichten anziehen und runter ins Tal nach Corvara in Badia. Die Abfahrt vom Passo Campolongo bei dem schlechten Wetter übrigens mit Abstand die angenehmste auf der gesamten Rundtour. Unten noch schnell die neuesten Modelle der Pinarello Dogma Serie für 2016 bestaunt und in einem haarsträubenden Manöver einem Verrückten ausgewichen. Jacke ausziehen und den letzten Riegel konsumieren – los geht’s: Die letzten 580 Höhenmeter hinauf zum Grödner Joch, wo sich das Wetter schon unheilvoll zusammenbraut. Ganz ehrlich: Den Teil der Strecke hätte ich nicht mehr benötigt – ich feiere jeden Höhenmeter wie einen Sieg. Stehversuche. Mein rechter Oberschenkel hatte sich zu einem zitternden, kraftlosen Etwas zusammengezogen. Weiter gehts. Hilft ja nichts… Kehre um Kehre schlängeln wir uns hinauf, am Ende größtenteils im Wiegetritt. Aber irgendwann kommen wir oben an und wie auf Knopfdruck spitzt die Sonne durch die Wolken ins Grödnertal.

Sonne am Grödner Joch

 

Passfoto am Grödnerjoch

Letzte Abfahrt – bereits jetzt sind alle Anstrengungen vergessen. Der Downhill dauert lange. Ich kann nicht glauben, dass ich all die Höhenmeter einige Stunden zuvor nach oben gefahren bin. Kurz vor Wolkenstein erwischt uns das Pech der Spätaufsteher – die Strecke wird wieder für den Verkehr freigegeben. Die Autos reihen sich wie Perlen auf einer Kette den Pass hinauf. Höchste Zeit zurück nach St. Christina zu kommen. 2200 Höhenmeter und 72 Kilometer später. Wir sind angekommen. Ohne Stürze, ohne Verletzung und unfassbar glücklich über die Wendung, die dieser Tag genommen hat. Eigentlich wollte ich nur einen Pass fahren. Ich bin froh, dass ich mich spontan umentschieden habe. Auch wenn das eine andere Veranstaltung ist: Ich fühle mich wie ein Sella Ronda Hero.

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