So ist der Brenner der Brenner und sonst nichts. Darin liegt seine Würde.

Über den Brenner fährt man. Solange man fahren kann, redet man offenbar nicht über den Brenner. Etwas merkwürdig ist, dass sich der Blick der Öffentlichkeit regelmäßig auf den Brenner richtet, wenn man nicht fährt, wenn es hakt. Zum Beispiel im Sommer, wenn vor den Mautstationen Staus entstehen, die so lang sind, das über sie in der Tagesschau berichtet wird. Gelesen hat man die Meldung, dass Panzer am Brenner stationiert werden sollen, um Durchreisende von der Durchreise abzuhalten, den offenen Grenzen zum Trotz. Geschadet hat es dem Brenner nicht, er ist weiterhin ein Symbol für Transit und Globalisierung. Aber er ist immer noch genauso grau, so wenige Details kennt man. Der Brenner ist der Brenner und sonst nichts.

Brenner.o: Geschichten über die Grenze

Das Buch „Brenner.o“ möchte ein anderes, nicht unbedingt farbigeres, aber sicher ein differenzierteres Bild vom Brenner zeichnen. Es möchte die ehemalige Grenzstation und die umliegenden Dörfer, Berg- und Tierwelt facettenreich beleuchten. Der Bildband, fotografiert vom Innsbrucker Othmar Kopp und beschrieben vom Südtiroler Kurt Lanthaler (hier kommt also auch schon das Nord-Süd-Gefälle mit rein ;-)), will klären, welchen Reiz, welche Anziehungskraft und welche Erinnerungen Menschen mit dem Brenner verbinden.

Seite aus dem Bildband Brenner.o

Erinnerungstexte über den Brenner

So erzählt das Buch die Geschichte von Luis Nagele, aufgewachsen oberhalb vom Brenner auf der Sattelbergalm. Für Luis bedeutete der Brenner Großstadtfeeling – aufgrund des Lärms. War er doch im Sommer als Hirte auf ruhigen Almwiesen unterwegs und konnte im Doppelsinn herabblicken auf das rege Treiben an der Grenze. Die Grenze in den Bergen war für ihn einfach passierbar, er wanderte mit seiner Schwester einfach hin und wieder zurück.

Eine schöne Erzählung ist auch die vom Hotelgewerbe im ehemaligen Bergbauort Gossensaß, 10 Kilometer unterhalb des Brennerpasses gelegen. Einst unbedeutend, wurde der Ort durch den Bau der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem Treffpunkt der Reichen und Schönen. Hotelier Ludwig Gröbner eröffnete dort das Großhotel, welches schon fast namenstiftend für Gossensaß wurde. In jenes Hotel, mitgeführt von seiner Schwester und immer in einer familiären Atmosphäre, fuhren die Promis gerne, zumal das Essen dort vorzüglich war. Doch der erste Weltkrieg beendete dieses glorreiche Kapitel in der Geschichte von Gossensaß: die Annexion durch die Italiener ließ den Edeltourismus schrumpfen. Das Haus hielt auch dem zweiten Weltkrieg stand, zumindest fast. Es wurde gegen Ende des Krieges von den Amerikanern als Aufbewahrungsort für Waffen und Munition benutzt – bis zum 8. Mai 1945, als Feuer ausbrach, sich an der Munition entzündete und das Haus komplett niederbrannte.

Textseite aus dem Bildband

Die Geschichten über die Grenze in Kapitel 27 gefallen mir besonders gut. Ich habe nun das Gefühl, den Brenner, den ich jedes Jahr mindestens fünfmal passiere, besser zu kennen. Die Geschichten sind es auch, die darüber hinwegsehen lassen, dass manche Bilder etwas zu wenig Bezug zum Thema haben. Hier wäre für meinen Geschmack weniger mehr gewesen. Dennoch sind alle Fotografien sehr hochwertig. Dazu zählt für mich auch das Bild des Stellwerks, umrahmt von Schnee und Eis. Ja, so ist der Brenner eben. Sonst nichts.

Bildseite aus dem Buch Brenner.o