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Tristesse Ordinaire. Grau als Farbe.

Fotoausstellung im Haus der Kunst München

Das Banale und Gewöhnliche, die Aufnahmen einer leeren Küche, leerer Wohnsiedlungen, einer leeren Stadt, der Natur. Diese Produkte, die die Menschen zurückgelassen haben erwarten den Besucher der Ausstellung „Grau als Farbe“, die noch bis zum 22. August im Haus der Kunst in München zu sehen ist. Sie zeigt Fotografien des 1945 in Berlin geborenen Künstlers Michael Schmidt aus verschiedenen Schaffensphasen.

Schmidt wurde vor allem mit seinen Schwarz-Weiß-Serien bekannt, die für ihn immer eine Form der Farbe zwischen dem dunkelsten und dem hellsten Grauton sind. Spannend ist es deshalb auch zu sehen, wie sich die Farblichkeit der Aufnahmen über die Jahre hinweg verändert. Da die Hängung im Haus der Kunst jedoch stärker thematisch als chronologisch geordnet ist, ist dies leider nicht immer erkennbar.

Die Fotografien in Raum 2, dem größten Raum der Ausstellung, gehören allesamt der Serie Ein-heit an. Diese beschäftigt sich mit Symbolen und Darstellungsformen politischer Macht und (vor allem repressiver) Systeme. Gezeigt werden Portraits von politischen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, Symbole und Architektur der Macht und im Kontrast dazu, die Flucht ins Private, die viele Menschen als Antwort auf Repression und Verfolgung wählten. Interessant ist auch die Gegenüberstellung von politischer Macht und deren Opfern. Besonders letztere sind oft nur auf ausschnitthaften Fotografien eigener Werke (beispielsweise in Form von Zeitungsartikeln) zu sehen. Durch diese Reproduktion der technischen Reproduktion entzieht Schmidt die Darstellung noch weiter vom „Hier und Jetzt“, vom Dasein an dem Ort an dem sich das Ereignis zugetragen hat. So zeigen diese Fotografien immer nur einzelne Ausschnitte, die sich der natürlichen Optik entziehen und nie das komplette Ausmaß des Dargestellten offenlegen. So löst Schmidt zwar zum einen das Ereignis selbst aus seiner Tradition heraus, aktualisiert es jedoch auch gleichzeitig für den Betrachter.  Obwohl die technische Reproduktion eines Originals nach Benjamin dessen Aura verkümmern lässt, erzeugen diese Fotografien beim Betrachter noch intensivere Gefühle, da sie Erinnerungen wachrufen, aktualisieren (an ähnliche Darstellungen die im Laufe der zahlreichen Kriege des 20. Jahrhunderts um die Welt gingen).

Der Unterschied den Schmidt zwischen Opfern und Tätern macht ist dabei keineswegs verurteilend. Es sind eben Rollen, die einzelne Menschen in bestimmten Systemen ausübten – klar auf ihre Funktion reduziert. Die Bilder oder das Dargestellte selbst sind oftmals ver-rückt (im eigentlichen Sinne des Wortes) – Schmidt, der für seine sozialkritische Haltung bekannt ist, schafft es so, politische Statements zu setzen.

Ein Blickfang der Ausstellung ist die raumhohe und sich über eine gesamte Wand erstreckende Darstellung der Arbeit Archiv (2009). Sie zeigt die Kategorisierung der Arbeiten des Künstlers in einer Art und Weise wie sie auch immer wieder vom Besucher der Ausstellung erfahren wird. Naturaufnahmen, Portraits, Rest. Begleitet wird dieses Bild von Selbstaufnahmen Schmidts, der immer wieder mit seinem Œuvre zu hadern scheint. Die Archivierung der Arbeiten deutet auch auf ein weiteres Problem hin. Sieht der Künstler ältere Arbeiten immer noch als Bestandteil seines künstlerischen Schaffens und inwiefern passen diese in sein gegenwärtiges Werk?

Manches Element der Ausstellung wirkt in seiner Besonderheit nicht nachvollziehbar, manches wirkt zu sehr gewollt und in seiner Bedeutung aufoktroyiert. Die beiden Berlin-Serien aus den Nachkriegsjahren bzw. aus der Zeit der Deutschen Wiedervereinigung beispielsweise. Sie wirken in ihrer Bildsprache sehr ähnlich. Die „durch die Kriegsschäden entstandenen Veränderungen“ die laut Informationsheft dargestellt sind, sind nicht zentrales Motiv der Fotografien „Berlin nach 45“. Auf mich wirkten die Bilder positiv und zukunftsorientiert. Sie zeigen beginnenden Konsum und post-moderne Architektur, die Kontraste zur Städteplanung der Nazizeit schafft.

In vielen Bildern findet sich eine für die Zeit der Aufnahme charakteristische Grundstimmung wieder: Unsicherheit, Angst, Angespanntheit. Gerade weil Schmidts Bilder immer das Gewöhnliche zeigen, schaffen sie es, Menschen darzustellen und für den Betrachter erlebbar zu machen.

Manche Bilder dieser Ausstellung haben eine unglaubliche Wirkung auf den Betrachter – so beispielsweise die großartige, weil kontrastreiche Reihe Waffenruhe. Andere wirken jedoch zu stark aufgesetzt, Kunst die gewollt ist aber nicht funktioniert. So wie die Serie Frauen, die zwischen 1997 und 1999 erschienen ist. Für mich ist sie nicht Ausdruck des Selbstfindungsprozesses junger Frauen, sondern eher Ausdruck der Pornografieversessenheit dieser Generation.  Ich weiß auch nicht, ob Dinge besonderer werden wenn man sie oftmals wiederholt. Unter Umständen werden sie so zu trivialem Kitsch.

Sehenswert ist die Ausstellung trotzdem allemal. Was dem Besucher bleibt ist die unendliche Tristesse der Bilder, die einen nicht mehr loslässt und die Erkenntnis, dass nichts frustrierender ist als der Ausblick auf das weite Meer. (www.essentials-blog.com)

michael schmidt / grau als farbe / fotografien bis 2009

21 mai 10 > 22 aug 10/ mo–so 10–20 h / do 10–22 h / 8 euro / ermäßigt 6 euro

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