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Bayern und das Rauchverbot

Bavaria sagt "Mia san mia"

Oder: Die Nichtraucherschutzantizipationssteuer

Der Sprecher der Münchner Wiesn-Wirte, Toni Roiderer, sprach kürzlich in einem Interview mit dem Münchner Merkur über den Volksentscheid zum Nichtraucherschutz von einer „Tradition des Rauchens“ in Bayern. Er sagt darin, er habe gehofft, dass „die Vernunft sieg(e) und man die Tradition bewahren (könne)“. Abgesehen davon, dass das ganze Thema mit Vernunft nicht viel zu tun hat, stellt er damit Zigarettenkonsum gleich neben die Blasmusikkapelle und die Lederhosn – die Zigarette als allgemeines Kulturgut? Es stellt sich relativ schnell die Frage, worum es Herrn Roiderer also tatsächlich geht.

Wovon dieser spricht, ist genau genommmen nicht Tradition, sondern eher ein in Bayern über die Maßen ausgeprägter Wunsch nach Kontinuität (Stillstand?): Mir san mir und so soll es auch bleiben. Und deswegen soll weiterhin auf dem Oktoberfest geraucht werden, wie es den Rauchern beliebt. Oder geht es dem Roiderer am Ende etwa nur um den schnöden Mammon?

Fakt ist: Eine demokratische, bayerische Mehrheit von etwa 61% hat sich nun am Unabhängigkeitstag der Nichtraucher anders entschieden. Kein Rauch mehr, auch nicht auf dem Oktoberfest. Ob hier nun die Vernunft gesiegt hat bleibt natürlich im Auge des Betrachters. Sicher ist jedoch, dass es nun zum ersten mal ein Rauchverbot gibt, das eben nicht vor den Toren der Theresienwiese halt macht.

Noch vor wenigen Jahren forderte Roiderer eine Ausweitung der rauchfreien Zonen und stellte im selben Atemzug fest, dass die Gerechtigkeit vor den heiligen Bierzelthallen ein Ende finden müsse. So wurde die Münchener Kleingastronomie durch die Großkopferten auf der Wiesn auskonkurriert. Doch diese Regelung war nur von kurzer Haltbarkeit – und so muss nun also die Tradition herhalten – als Ausweg aus der Misere.

Herr Roiderer wusste wohl, dass gemäß der allgemein gängigen Definition die Fähigkeit zur Tradition im „Bereich der menschlichen Kulturbildung umfangreiche politische und (…) wirtschaftliche Systeme erreichen kann”. Vermutlich haben er und seine Kollegen, die Wiesn-Wirte diese Definition sehr genau studiert, denn nirgendwo macht eine Attacke gegen den verstärkten Nichtraucherschutz mehr Sinn, als wenn die eigene Gaststätte (bayerisch: Wirtschaft) gefährdet ist. Und die sehen die Wiesn-Wirte durch sinkenden Bierkonsum immens bedroht.

Ob bei strengerem Rauchverbot tatsächlich weniger Maßn verkauft werden? Eine allgemeingültige Aussage dazu scheint schwer. Bei der Wiesn ist vermutlich wirklich davon auszugehen – eine Kurzbetrachtung der Hauptzielgruppe impliziert Synergieffekte zwischen Alkohol- und Rauchgenuss. Wie das? Psychologin Brigitte Veiz beschreibt die Suche nach zwischenmenschlichem Kontakt als Hauptimpuls auf die Wiesn zu gehen, (was oftmals verstörend real werden kann). Dies trifft in besonderem Maße für Menschen zu, die in ihrem sonstigen Leben weitgehend isolierte sind. Auf der Suche nach einer dionysischen Verbrüderung helfen selbstverständlich gemeinsame Aktivitäten: das Saufen als Urziel und das Rauchen als anonyme Form der interkulturellen Verständigung. (Rauchst Du?) ist somit die erste Stufe der Verbrüderung (Trinkst Du? fällt als relevante Frage auf dem Oktoberfest aus).

Verstärkt wird dies durch einen weiteren Effekt: Menschen selektieren ihre Mitmenschen frühzeitig und sortieren sie in Gruppen ein. Mit Nichtrauchern kann man sich also nicht wirklich gut dionysisch-bayerisch verbrüdern. All dies wird wohl zu einem Umsatzeinbruch führen.

Eine Katastrophe? Nein, Herr Roiderer! Dieser wird real nicht spürbar, denn erstens gibt es eine Kompensation durch Familien, die mit Kind und Kegel nicht nur auf die Wiesn, sondern auch wieder in die geringer toxisch aufgeladenen Zelte gehen können. Zweitens wird der Bierpreis auch dieses Jahr wieder den Gegebenheiten angepasst. Trotz geringster Inflation stieg der Bierpreis für die Wiesn wieder deutlich. So kostet eine auf 1l genormte Hopfen-, Malz- und Wassermixtur beispielsweise bei der Fischer Vroni würzige 8,90 Euro.

Sie ist also da, die Nichtraucherschutzantizipationssteuer. (www.essentials-blog.com)

Bildquelle:

Titel: Oktoberfest München München – Bavaria: http://www.flickr.com/photos/14646075@N03/2910632044/in/set-72157607763638600/

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