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Das Grüne Paradoxon

Hans-Werner Sinn, geboren 7. März 1948 in Brake ist einer der bedeutendsten deutschen Ökonomen der Gegenwart mit höchster internationaler Reputation. Mit seinen kritischen Thesen zu fiskalpolitischen Fragestellungen erzeugte der Chef des Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung ebenso öffentliche Aufmerksamkeit wie mit Vorschlägen zur Restrukturierung und Reformierung des Sozialstaats. Seine oftmals scharf formulierten Beiträge in diversen Medien brachten den Finanzwissenschaftler mehrmals in öffentliches Kreuzfeuer und machten ihn zum Opfer teilweise unseriöser Berichterstattung.

In seinem Buch „Das Grüne Paradoxon“ beschreitet der Finanzwissenschaftler Sinn neue Wege abseits der Themen rund um den „kränkelnden Patienten Deutschland“, den Hans-Werner Sinn an anderer Stelle fachmännisch seziert. Der vom NABU (Naturschutzbund Deutschland) zum „Dinosaurier des Jahres 2009“ (so etwas wie die öffentliche Öko-Sau) gewählte Sinn versucht, in diesem Buch einerseits mit gängigen Thesen zur Rettung der Umwelt aufzuräumen, andererseits formuliert er eigene Vorschläge für eine neue, moderne Umweltpolitik.

Sinn erklärt mit hohem Detailwissen Hintergründe der deutschen Umweltpolitik und löst nicht nur einmal geschickt industriepolitische Verflechtungen auf.  Kern des Buches ist die Atomdebatte, die laut Sinn nur im umweltpolitisch retardierten Deutschland in dieser Form geführt wird. Er tritt hier klar für die Atomenergie ein. Sinn weist in einem ausführlichen Kapitel auf Gefahren und Chancen der Atomkraft hin, bewertet diese, und kommt zu dem Schluss, dass wir Deutschen in den sauren (Plutonium-)Apfel beißen müssen, indem neue Atomkraftwerke gebaut und bestehende Meiler verlängerte Laufzeiten erhalten. Andernfalls drohe uns der CO2-Knockout auf europäischer Ebene – lanciert durch das vermeintliche CO2 -Musterland Frankreich.  Sollte Deutschland künftige CO2- Reduktionsrichtlinien nicht einhalten können, werden die französischen Stromkonzerne gerne Strom ins Nachbarland verkaufen. Von der durch die regenerativen Energien beabsichtigte Autonomie keine Spur. Unsere westlichen Nachbarn haben uns laut Sinn bereits bei der Debatte um den Kohlendioxid-Ausstoß von PKWs gezeigt, wie geschickte Industriepolitik für die eigene Automobilindustrie funktioniert: Durch Intervention auf höchster europäischer Ebene und Lobbyarbeit gelang es Frankreich, die deutsche PS-starke Autoindustrie an die Wand zu fahren. Gleiches habe Frankreich mit der deutschen Energiewirtschaft vor, welche aktuell noch zu intensiv auf CO2– belastende Kraftwerke (insbesondere Kohle) setzt. Deutschland würde so in Zukunft unvermeidlich mit dem Problem konfrontiert werden, europäisch festgesetzte (und von den Deutschen noch freiwillig übertroffene) Ausstoßreduktionen erreichen zu müssen. Eine Lösung hierfür ist laut Sinn aufgrund des schwachen Energieoutputs regenerativer Energien, welche in Deutschland in diversen Programmen gefördert werden, nur der Ausbau des deutschen Atomkraftmeiler-Netzes. Wie Sinn argumentiert, sollten wir Deutschen Energien darauf setzen, in unserer Heimat Kraftwerke mit höchsten Sicherheitsmaßnahmen zu bauen, anstatt sich auf Lieferungen jahrzehntealter Kraftwerke in den Umgebungsländern zu verlassen. Sinn zeigt deutlich auf, wie viele Atommeiler im unmittelbaren Grenzgebiet rund um Deutschland stehen und wie viele in naher Zukunft noch hinzukommen werden.

Eine weitere Lösung des Umweltproblems sieht Sinn darin, das europäische Handelssystem für Emissionszertifikate zunehmend auf weitere Branchen auszudehnen. Parallel erklärt er, welche Branchen weiterhin ausgenommen werden sollten. So darf sich die deutsche Luftfahrtindustrie nach wie vor darüber freuen, die externen Effekte der Umweltbelastung durch Flugverkehr nicht über die Zertifikate bezahlen zu müssen. Die Vermutung, die Fluggesellschaften könnten als Reaktion darauf ihre Drehkreuze ins zertifikatfreie Ausland verlegen, ist zu schwach, um als überzeugendes Argument zu gelten. Berücksichtigt man die Investitionen, welche beispielsweise die Lufthansa in Frankfurt am Main und am Münchner Airport tätigt, kann man nicht allen Ernstes davon ausgehen, dass eine Verschiebung einfach möglich wäre. Selbstverständlich muss die EU weitere Partner des Emissionshandels gewinnen – Sinn nennt hier explizit die USA und China. Sind diese mit im Boot, dürfte ein Replacement der deutschen Drehkreuze illusorisch bleiben. Selbst wenn die großen Partner ausblieben: alleine die Option, weitere Länder in das Handelssystem einzubeziehen, würde die Luftgesellschaften zögern und zaudern lassen. Gegenüber ihren Aktionären könnten die Konzerne derart risikobehaftete Investitionen wohl nur schwer rechtfertigen. Die Gefahr, dass auch das Land, indem neue Drehkreuze entstehen würden, mit in das Handelssystem aufgenommen werden könnte (!), wäre zu groß.

Ein Kernargument, das Sinn abbildet, ist, dass jedes Gramm CO2, das in Deutschland eingespart wird, durch das Zertifikatssystem innerhalb der EU wieder ausgestoßen wird. So richtig dieses Argument inhaltlich ist, so wenig verbindlich ist dessen Aussagekraft: schließlich muss ein Industrieland wie Deutschland immer eine gewisse Vorreiterfunktion einnehmen, um Länder wie China oder Indien von der Notwendigkeit umweltpolitischer Maßnahmen zu überzeugen und diese in europäische Systeme und Standards verpflichtend einzubinden.

Trotz gewisser Kritikpunkte schreibt Sinn insgesamt ein tolles Buch. Es ist nicht nur interessant für Ökonomen, die umweltpolitische Fragestellungen mit wirtschaftlicher Logik aufgelöst haben möchten. Es ist auch Pflichtlektüre für alle, die der Umwelt gerne Gutes tun würden, aber am deutschen Modell zweifeln. Sinn löst die Kernthemen des Klimaschutzes fernab jeder Ideologie auf. Merkwürdig, dass sich der NABU bei Sinn für die zweifelhafte Auszeichnung nicht entschuldigt hat. Wer Sinn unterstellt, er sei nicht an einer ehrlichen Umweltdebatte interessiert, liegt falsch.

Es fehlt wenig, um als Sinns Bestes seiner populären Bücher zu gelten. (www.essentials-blog.com)

Bild: Rainbow Series: 4 -GREEN-

Quelle: http://www.flickr.com/photos/kuzeytac/2957481732/

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