Interview mit Karl Lagerfeld in der Süddeutschen Zeitung

Interview mit Karl Lagerfeld in der Süddeutschen Zeitung

Karl Lagerfeld spricht über Visionen. Der Nachrichtenwert dieses Beitrags in der Süddeutschen Zeitung Nr. 303 vom 31.12.2010 läuft für mich – wie wahrscheinlich für viele Menschen da draußen – so ziemlich gegen Null. Das hat die SZ wahrscheinlich schon geahnt und verbannte dieses Interview mit dem alternden Modezar mit Pferdeschwanz auf Seite VIII des Wochenendteils (=letzte Seite). Zu Unrecht? Nun, was hatte Karl zu berichten?

Kurz gesagt, lernen wir Karl hier in der gesamten Komplexität seines Seins kennen:

Da wäre der Freigeist Karl, der von den Meinungen anderer eigentlich schon immer unabhängig war und bei dem sich im Laufe der Zeit „eine gewisse Gleichgültigkeit der Außenwelt gegenüber“ eingestellt hat. So gleichgültig ist der Karl der Außenwelt gegenüber gestimmt, dass er sein Alter gleich mal um winzige fünf Jahre reduziert – nicht, dass noch jemand denkt er sei alt!

Dann hätten wir da noch Karl den Realisten, der auf jedes Problem eine Lösung findet. Späteres Renteneintrittsalter – hah, Karl wäre nicht Karl, wenn es nicht auch hierfür eine Idee hätte: „Die Leute sollen arbeiten so lange sie Lust haben und solange sie es können.“ … und wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie eben Kuchen essen, oder Karl?

Ähnlich zu diesem Statement zeigt sich dann auch seine persönliche Vision von Bescheidenheit: ein Leben im Hotel. Na klar! Und welches 5 bis 7-Sterne Hotel schwebt dir da so vor, Karl? Dort widmet sich Karl der Intellektuelle dann der Literatur – liest, vergleicht und kommt am Ende zu dem Schluss, dass Thomas Mann definitiv „zu konventionell war.“

Bei all dem naiven Geschwafel bleibt er aber immer ganz bescheiden – der Karl. „Was hab’ ich denn Besonderes?“  fragt er also ganz offen und sichtlich überrascht über das mediale Interesse, das um ihn herum existiert. Und als hätte er sich diese Frage zum ersten Mal in seinem Leben gestellt, fällt es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen! Doch! Da war doch was: „Gut, die weißen Haare und ich merke es ja selbst: Wenn ich mit zwanzig Leuten auf einem Foto bin, sieht man mich als ersten.“ Wie uneitel! Trotzdem weist er die Behauptung der SZ-Redakteurin, er inszeniere sich gekonnt als Marke, entschieden zurück. Das habe er nicht bewusst getan. Dabei erschafft Karl Lagerfeld seit Jahrzehnten genau das, was auch starke Marken ausmacht: Symbole (der Pferdeschwanz, die schwarze Sonnenbrille), Geheimnisse (wie alt ist Karl wirklich?), eine Vision (nicht nur eine…), tradierte Geschichten (… mehr als genug), klar umrissene Gegner (Yves Saint Laurent) und die Kultivierung einer eingeschworenen Gemeinschaft. Wirklich alles nur Zufall?

Von seiner Mutter redet Karl dann auch noch ganz viel: Man erfährt,  dass sie streng war, den kleinen faulen Karl angetrieben hat und man erfährt so nebenbei, dass sie eine ähnliche Realitätswahrnehmung besitzt wie ihr Sohn. Diesem bestätigte sie einmal: „Es beweist zumindest, dass du kein Snob bist, sonst würdest du so einen Beruf nicht ausüben.“ Leuchtet ein… Snobs findet man selten in der Modeszene.

Und dann hatte Karl auch scheinbar alles gesagt, was er an den Mann bringen wollte. Nochmals schnell nachgedacht… uneitel, unabhängig, intellektuell, realitätsnah, selbstkritisch …. ne ist alles abgehakt. Na dann, vielen Dank, dass ich an diesen unglaublich interessanten Gedanken teilhaben durfte!

Zurück zur Ausgangsfrage: Zu Unrecht auf der letzten Seite? Nein! Langweiliges, selbstverliebtes Gerede und am Ende spricht Karl Lagerfeld nicht mal über Visionen! Wenigstens gibt er uns am Schluss noch einen guten Tipp: „If you want to cry, look elsewhere, because we have noch emotions to share.“ Das ist wirklich zum heulen… also: schnell wegschauen!

Update 1:

Endlich ist Karl Lagerfeld auch mal (fast) ganz vorn: Auf Seite 2 der aktuellen AutoMotorSport und das auch noch mit Doppelseite – was er da zu suchen hat? Was war geschehen? Der Reihe nach: Karl Lagerfeld ist neues Testimonial der VW-Werbung. Autos und Mode – eine schwierige Kombination. Was bewirbt der Modepapst dort? Den Phaeton? Bugatti Veyron? Nein, es ist eines der kleinsten Modelle der VW-Familie – der Polo! Und so sieht man Karl Lagerfeld derzeit überall in Fernsehwerbung und Print zwischen dem Kleinwagenmodell herumturnen – wobei er etwa so deplatziert wirkt wie der berühmte Elefant im Porzellanladen. Karl bewegt sich jetzt also in ganz neuen Sphären und man fragt sich nur, wer das verbrochen hat. Dazu gibts dann noch einen schlechten Slogan: „Endlich mal ein Model, das keine Zicken macht.“

Im Fernsehspot werden die Modeklischees dann bis ins Absurde geführt und am Ende noch der potentielle Käufer beleidigt. Da äußert Karl Lagerfeld dann, dass der VW Kleinwagen „dieses Model“ (Achtung! Wortspiel!) eigentlich nach Paris gehöre. Der VW Polo zu gut für den deutschen Markt? Alles in allem eine echt schwache Leistung.

Einziger Lichtblick: Mercedes zeigt VW erneut, wie man es richtig macht und kontert auch Seite 4 mit dem Slogan „Endlich eine Schönheit, die nicht vom rechten Weg abkommt.“ Ein bewusster Seitenhieb?