Die Schachnovelle ist Stefan Zweigs bekanntestes Werk. Geschrieben während seiner Zeit in Brasilien Anfang der 40-er Jahre, ist es nach wie vor eines der meistverkauften Bücher. Mein erster Kontakt mit der Novelle war bereits als Schulkind: dadurch, dass es gut lesbar ist, trauen viele Gymnasiallehrer ihren Schülern das Werk schon recht früh zu. Die Handlung ist schnell erzählt und steckt dennoch voller Tiefgang: auf einem Schiff duellieren sich ein renommierter Meister seines Fachs mit einem Spielnovizen, aber erfahren in der Theorie, im Schachspiel. Aus Zeitvertreib wird Ernst und im zunehmend ambitionierten Aufeinandertreffen offenbaren sich psychische Abgründe. Auf der einen Seite der reiche, arrogante Czentovic, auf der anderen Seite der ehemalige Gefangene der Gestapo, Dr. B, beide besessen davon, den anderen in die Schranken zu weisen; so besessen, dass selbst die Grenze zwischen Theorie und Bewusstsein verschwimmt und die Konsequenzen daraus fatal sind.

Diese Novelle ist im letzten Oktober im Knesebeck Verlag als Graphic Novel erschienen. Die Zeichnungen stammen von Thomas Humeau, der sich selber weniger als Comiczeichner, sondern als kreatives Multitalent sieht. Seine Grafiken im Buch sind an allen Stellen mit gleicher Detailtiefe gehalten. Dem Trend, dass nur die Kernhandlung eines Bildes die höchsten Details zeigt, folgt er damit nicht. Humeau passt sich colorativ an die Dampfschiffahrts-Welt an, so dass Umgebungen meistens in blau, rot und lila gehalten sind. Die genutzten Farbtemperaturen stimmen auf die Tristesse der Fahrt ein und spiegeln den Zorn, mit dem sich die beiden Schachspieler bekämpfen, so dass das Buch in seiner Tendenz von blau zu rot wechselt.

Auszug aus dem Graphic Novel

Bilder aus dem Graphic Novel

Oft, aber nicht zu oft, lässt der Grafiker auch nur das Bild sprechen; eine Wortblase, die die Geschichte treibt, gibt es dann nicht. Diese Einschnitte sind stimmungsvoll ausgewählt und passen gut in das Gesamtkonzept. Toll ist es, wie der Zeichner das Motiv des Schachspiels immer wieder gestalterisch umsetzt, indem er z.B. zum Ende des zweiten Spiels der beiden Kontrahenten die Bilder quadratisch – wie auf einem Schachbrett – anordnet. Kurz bevor sich die beiden Schachspieler auf ein drittes Spiel einigen, gibt es jedoch auch einen minimalen künstlerischen Fehler: Der gescribbelte Text enthält an einer Stelle kein Leerzeichen. Zum Stil gehört es, dass auf ein großes „I“ verzichtet wird. So wirkt es, als würden manche Sätze mit kleinen Buchstaben beginnen und dabei das geringe Selbstbewusstsein der Agiteure spiegeln. Insbesondere in Szenen, die sehr ich-bezogen sind, ist das ein spannender Ansatz. Manche Bilder werden auf zwei Seiten aufgeteilt, um das Duell der beiden zu unterstützen. Solche Details gefallen mir und zeigen das hohe Niveau, auf dem der Illustrator agiert.

Fazit

Mir gefällt, dass der Zeichner das graphische Format vollends zu nutzen weiß. Die Kniffe, die Thomas Humeau anwendet, entfalten bei mir volle Wirkung. Als Leser kommt man in den Zwiespalt, da man einerseits immer mehr der teils gewaltigen Bildwelten sehen will und andererseits kein Detail übersehen möchte. Es gibt Schlimmeres als diese Wahl. Dass Stefan Zweig zu ihren absoluten Lieblingsautoren gehört, hat Stephie euch schon an anderer Stelle erzählt. Mit diesem Graphic Novel wir einer seiner Klassiker sehr gelungen wiederbelebt und der Autor vielleicht auch für weniger leseaffine Zielgruppen erschlossen.

Titelseite Graphic Novel "Schachnovelle"

Kennzeichnung: Das Buch wurde uns als kostenloses PR-Sample zur Verfügung gestellt.