Mein „Ding“ mit Ingeborg Bachmann begann, als ich den veröffentlichten Briefwechsel zwischen ihr und Paul Celan – Herzzeit – las. Der Dialog zweier bedeutender Schriftsteller: er, der Gebrochene, sie um Worte ringend. In ihrem Briefwechsel spielt sich mehr wider als das Sprechen zweier Personen oder eines Liebespaares. Er eröffnet den Dialog zwischen dem Holocaust-Überlebenden und der Täter-Tochter. Diese Tatsache allein macht ein Sprechen beinahe unmöglich. Der Briefwechsel erstreckt sich über einen Zeitraum von 13 Jahren: von 1948 bis 1961. Dass dieses Buch existiert ist ein Geschenk!

Ingeborg Bachmann: Drei Leseempfehlungen

Ingeborg Bachmann  ist für mich eine der Frauen des 20. Jahrhunderts. Das hat mehrere Gründe, unter anderem:

  1. Ihre Rolle und Durchsetzungskraft als weibliche Schriftstellerin in einem stark von Männern geprägten Berufsfeld – vor allem dem Herrenclub der Gruppe 47.
  2. Ingeborg Bachmann hat ihr Schaffen immer in einem zeithistorischen Kontext gesehen und damit auch politische Impulse gesetzt, die für die frühe Bundesrepublik und auch ein frühes Europa sehr wichtig waren.
  3. Ihren Mut, einen Lebensentwurf (fernab etalbierter Rollenbilder) zu zeichnen, in dem sie beides, Frau und Schriftstellerin sein konnte.

 

Collage mit Büchern von Ingeborg Bachmann

 

Um die Vielschichtigkeit der Ingeborg Bachmann zu erfahren, empfehle ich die Biografie "Der dunkle Glanz der Freiheit". Ich habe sie im letzten Jahr gelesen. Auch wenn mir einige Dinge daran nicht so gut gefallen haben: das Buch gibt einen sehr detaillierten Blick hinter die Kulissen. Es zeigt, wie schwer der Schreibprozess für Ingeborg Bachmann war, wie getrieben sie all die Jahre ihren Wohnsitz zwischen verschiedenen Männern und Orten wechselte und wie stark all das auf ihr lastete.

Einen Einblick in die dunklen Jahre nach der Trennung von Max Frisch und vor ihrem Tod gibt nun ein sehr persönliches Buch. Der Suhrkamp Verlag hat in diesem Jahr mit "Male Oscuro" einen kommentierten Band mit Briefen, Traumnotizen, Redeskripten und Entwürfen aus der Zeit der Krankheit veröffentlicht. Das Buch ist der erste Teil der Werksausgabe und geht auf einem sehr schmalen Grat zwischen den Persönlichkeitsrechten der Schriftstellerin und dem immer noch großen öffentlichen Interesse an ihrem Leben und Werk. Die Notizen sind ohne die sorgfältig gewählten Anmerkungen meist nicht zu lesen. Es handelt sich oft nur um wenige Sätze, die zum Nachdenken anregen und unter die Haut gehen.