Philipp Lahm findet, dass man an dem Tag, an dem sich der FC Bayern für die prestigeträchtige Champions League qualifiziert hat, nicht über sein Buch sprechen sollte. Wahrscheinlich aus genau diesem Grund hat er sein Werk auch einen Tag vor dem wichtigsten Spiel des Jahres vorgestellt – in Kooperation mit der ebenfalls prestigeträchtigen BILD-Zeitung.

Da trifft es sich gut, dass die Boulevardzeitung mit den großen Buchstaben in den letzten Wochen wieder die Führungsspielerdebatte lanciert und hierbei den Yellow Press Keil zwischen „Chefchen“ Schweini und „Leadertyp“ Lahm getrieben hat. Während Bastian Schweinsteiger nach seinem Sportbild-Debakel („Arschloch“) als direkter Adressat der Kritik von Kahn&Co angesehen wird, kommt der Kapitän Philipp verdammt gut weg in der Springer‘schen Berichterstattung. Mit der Preview auf Philipps Buch in der BILD ist nun auch klar, welches Spielchen gespielt wird.

Mal abgesehen davon, ob diese Welt eine Biographie eines 27-jährigen braucht, dessen fußballerischer Wirkungskreis ausschließlich in einem Radius von 250km (Bayern, Stuttgart) stattgefunden hat: was erlauben Philipp?

Lahm wäscht in seinem Erstlingswerk schmutzige Wäsche, und das nicht zu wenig. Dabei hat er es auf einen Personenkreis besonders abgesehen: seine Ex-Trainer. Das Magath’sche Psychosystem wird ebenso kritisiert wie der Fokus von Klinsmann auf die physische Entwicklung der Mannschaft. Lahm wusste übrigens bereits nach 6 Wochen, dass es mit Klinsi nicht klappen kann. Bleibt die Frage, wieso er das nicht damals schon der Welt kundgetan hat. Dass van Gaal nicht mit Menschen klar kam, und der Fokus seiner Arbeit auf der Offensive lag, ist ebenso Bestandteil seiner Kritik.

Irritierend an der ganzen Geschichte ist dabei nicht einmal die Illoyalität, mit der Lahm seinen Trainer begegnet, sondern die Inkonsistenz seiner Aussagen. Sein, von Kommunikationsprofis eingebläutes Geschwätz von früher scheint ihn dabei nicht mehr zu interessieren. Vielleicht sollte ihm sein Management nochmal zeigen, was er in früheren Interviews über Klinsmann gesagt hat („Ich glaube, dass sein Weg auch in München funktionieren wird.“, SZ 15.08.2008) oder wie er van Gaal lobte („Der Trainer hat Recht.“, SZ 07.11.2009 oder „Für uns Spieler gibt es überhaupt kein Problem mit dem Trainer.“, BILD 13.11.2010). Lahm positioniert sich als kompromissloser Kritiker und behauptet dann das Gegenteil – seine Glaubwürdigkeit leidet darunter.

Darstellung der Interview-Äußerungen von Philipp Lahm
Im Prinzip vertritt Lahm in seinem Buch viele Thesen, die man aus der Bayern-Führungsriege zu Genüge kennt. Kein Wunder auch, dass die Bayern-Vorstand-Freunde Hitzfeld und Heynckes gut wegkommen. Ginge es aber um inhaltliche Kritik (und nicht um eine Pseudo-Profilbildung), müsste man genau diese Trainer in den Kontext bringen. Klar war nach Hitzfeld ein Fokus auf Fitness wichtig- so lasch hatten die Bayern bei aller Liebe für den General nie wieder trainiert. Und selbstverständlich war nach dem Übergangstrainer Heynckes mit van Gaal ein starker Mann gefragt, der ein Konzept hatte und dieses gnadenlos durchboxte- so erfolgreich übrigens, dass es fast zum Triple gereicht hätte, was dem FC Bayern Dekaden lang nicht mehr geglückt war.

Bei all dem Theater im Sommerloch frage ich mich nur, ob Lahm eigentlich vergessen hat, wo er herkommt. Wer hat Philipp denn von der Amateurmannschaft in die erste Bundesliga geholt? (Magath). Unter welchem Trainer durfte er das Sommermärchen erleben und ein für alle Mal als offensivstarker Linksverteidiger gelten? (Klinsmann). Unter welchem Trainer spielte er (erstmals als Kapitän!) auf einmal systembedingt seine Lieblingsposition als Rechtsverteidiger und erreichte neben CL-Finale auch Meisterschaft und Pokalsieg? (van Gaal).

Philipp Lahm ist ein talentierter Spieler, auf den alle Fans des FC Bayern stolz sein können. Wäre er nicht so offensichtlich geltungssüchtig, hätte er alle Chancen darauf, bei den Bayern eine lebende Legende zu werden. Doch diesen Status hat er spätestens mit diesem Buch verloren.

Choose your weapons wisely. Der Holzhammer ist nicht immer die richtige Methode!