Gedanken zur Bundestagswahl 2017

Heute ist Wahltag. Seit 8 Uhr haben die Wahllokale geöffnet. Noch bis 18 Uhr habt ihr die Möglichkeit über die Zukunft unseres Landes zu entscheiden und vor allem mitzugestalten, in welcher Gesellschaft ihr leben möchtet. Diese Wahl hat mehr als viele andere vor ihr richtungsweisenden Charakter.

But fear’s the only thing I saw
And three days later it was clear to all
That nothing is as scary as election day
But the day after is darker
And darker and darker it goes
(Norah Jones)

Zum ersten Mal erfüllt mich der Wahltag mit Angst. Angst und Sorge davor, in welcher Gesellschaft ich morgen aufwachen werde. Dass erstmals „Politiker“ in den Bundestag einziehen, die diesen verachten, scheint beschlossene Sache. Vieles wurde schon gesagt im Vorfeld zu dieser Wahl (zum Beispiel hier oder hier) und ich möchte das nicht nochmals platt treten. Ich nicke, stimme zu uns hoffe bang, dass das schon alles nicht so schlimm wird. Und dann lese ist durch meine Twitter Timeline, schaue mir in Sozialen Netzwerken an, was gerade so passiert und bin sprachlos von der Art und Weise wie hier Meinungsmache betrieben wird. Unterste Schublade, meine Lieben, unterste Schublade! Schon im Vorfeld der #btw2017 wird pausenlos von #wahlbetrug gesprochen. In Kampagnen wird Angela Merkel als #ferkel oder #eidbrecherin bezeichnet. Die Wahl wird zur #schicksalswahl proklamiert und #traudichdeutschland gebrüllt –  das erinnert nicht nur in der Semantik an ein scheinbar längst vergessenes Kapitel deutscher Geschichte.

Es fangt genauso an, sagt der alte Franz
Es is das gleiche Lied, es is derselbe Tanz
Es fangt genauso an, wie vor sechzig Jahr‘
Und es war’n damals auch am Anfang nur a paar
(STS)

Da kann ich nicht mehr stillhalten und muss etwas loswerden. Damit am Ende keiner sagt, er hätte es nicht besser gewusst.

Wir sind doch alle nur besorgte Bürger, oder?

Die von der AfD angestoßene öffentliche Diskussion wird vor allem über den Begriff der Sorge geführt. Sorge um die Zukunft dieses Landes, um die Zukunft unserer Familien. „Wir sind keine Nazis oder so … wir sind doch alle nur besorgte Bürger.“ Sorge ist erstmal nicht verwerflich. Im Gegenteil: Sorgen hat jeder von uns. Das klingt vertraut, das klingt nach Einfamilienhaus und Pausenbrot. Sorge ist menschlich. Sorge ist bürgerlich. Das ist ein guter gemeinsamer Nenner.

Das wirklich fantastische an der Sorge ist aber, dass sie so viel besser verkauft als Wut oder Frustration. Wer bezeichnet sich denn schon gerne als wütender oder frustrierter Bürger? Keiner, genau. Kommen wir nun zum Problem, liebe Wähler: um eure individuellen Sorgen geht es hier überhaupt nicht. Die interessieren diese Partei in keinster Weise.

Sorge ist nur der Sammelbegriff, um euch alle abzuholen. Sorge ist eine leere Worthülle, in die ihr alle eure Wünsche, euren Frust und eure Enttäuschung packen könnt. Ein kollektiver Wunschzettel unter dem kommunikativen Dach der nationalen Einheit. Es tut mir leid: Der Weihnachtsmann existiert nicht und eure Sorgen werden von dieser Partei genauso wenig ernst genommen. Sie sind lediglich dazu da, euch zu bündeln und aus euch eine vermeintlich einheitliche Bewegung zu machen, die diese Partei schon längst nicht mehr ist.

Das Phänomen AfD ist eine revisionistische Revolution

Wie ich das meine? Eine politische Revolution vereint die Menschen, die sich im Stich gelassen fühlen von den aktuell herrschenden Mächten und bündelt ihre Kräfte. Genau dieses Momentum macht sich die AfD zunutze. Sie ist die Revolution der Zurückgelassenen, der Enttäuschten, der Frustrierten und Wütenden, die gefühlt nichts oder zu wenig vom großen Kuchen des Lebens abbekommen haben. AfD-Wähler haben Angst, dass dieses Gefühl niemals verschwinden wird, es sei denn… Anders als bei einer Revolution im klassischen Sinne, geht es hier aber vielmehr darum, das Rad der Zeit zurückzudrehen.

Das ist das praktische an einem inhaltsleeren Gefäß: Es kann mit den Hoffnungen und Wünschen aller gefüllt werden. Tatsächlich ist die AfD aber keine Alternative für irgendwas oder irgendwen (mal abgesehen, von den 2% ihrer Wähler, die gerne Flüchtlingsheime in Brand sehen). Alle anderen werden nach der Wahl wieder leer ausgehen.

Es gibt eine Alternative, die nicht AfD heißt

Ich bitte euch: Wählt echte Alternativen. Lasst euch nicht von denen blenden, die am lautesten schreien. Ich wähle. Ich wähle eine offene und tolerante Gesellschaft, in der jeder Platz hat. Ich wähle eine Gesellschaft, in der die Schwachen nicht zurückgelassen werden und in der wir sorgsam mit unseren Ressourcen haushalten. Ich wähle eine Gesellschaft, die ich meinen Kindern guten Gewissens hinterlassen kann.