The Oath - ein Film von Laura Poitras

Parallele Welten zeigt dieser Film von Laura Poitras, der einer der Höhepunkte der diesjährigen Berlinale war. Parallelen die sich aufeinander zu bewegen, sich schneiden, um sich danach wieder voneinander zu entfernen. Ein kulturanthropologischer Grundgedanke liegt der gesamten Handlung zugrunde: welches Innenleben führen junge Männer, die für Al-Qaida in den Dschihad ziehen? Der westlichen Welt ist es zu großen Teilen nicht möglich, dieses Phänomen zu erschließen. Unverständlich erscheint, was in diesen Menschen steckt, die so besessen sind von Gewalt und Märtyrertum. Nicht auf alle Fragen kann „The Oath“ eine Antwort finden und dennoch bietet dieser herausragende Film Erkenntnisse von mindestens gleichrangiger Bedeutung.

Er schildert die parallele Existenz zweier Männer, die schicksalhaft verknüpft werden. Zwei Leben, verbunden. Die Erzählung, sie ist echt, geprägt von einer ungewöhnlichen Klarheit, die es dem Zuschauer erlaubt ganz nahe heranzutreten. Es ist die Geschichte von Abu Jandal, einem Mann in den späten Dreißigern, geboren in Saudi Arabien als Kind jemenitischer Eltern, zwischen 1996 und 2000 Mitglied des engsten Zirkels um Osama bin Laden. Heute lebt er als Taxifahrer in Jemen und bemüht sich um einen neuen Job.

Es ist die Differenz zwischen Bin Ladens furchterregendem Hass gegen den Westen und seiner gleichzeitig väterlichen Güte, die Abu Jandal beeindruckt und ein unsichtbares Band zwischen den beiden unterschiedlichen Männern entstehen lässt (großartig durch den Soundtrack von Osvaldo Golijov untermalt). Er schwört einen Treueeid und wird Bin Ladens Leibwächter. Als solcher prüfte er die Interessenten der Ausbildungslager auf ihre Zuverlässigkeit.

Und so wird es gleichzeitig auch die Geschichte von Salim Hamdan, einem jementischen Freund, den Abu Jandal für die Al-Qaida rekrutierte. Er wird Bin Ladens Fahrer – eine Position von geringem Rang. Das Leben beider Männer verbindet sich endgültig, als Bin Laden ihre Heirat mit zwei jemenitischen Schwestern beschließt. Sie werden Schwager.

Im Jahr 2002 kehren beide nach Jemen zurück. Abu Jandal wird dort aufgrund der verschärften Gesetzeslage gegen terroristische Netzwerke verurteilt und inhaftiert. Hamdan kehrt nach Afghanistan zurück und wird dort nach 9/11 von afghanischen Soldaten gefangen genommen und an die Amerikaner übergeben. Er kommt nach Guantanamo – für über 7 Jahre.

Der Film verläuft in zwei Schienen: In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa führt Jandal ein scheinbar sehr einfaches Leben. Er erzieht seine Kinder, infiltriert Sie mit Kampfesgeist, versammelt Jugendliche um sich und blendet diese mit Märchen um Bin Laden und Verwünschungen gegen den Westen.

Poitras springt hin und her zwischen diesen Szenen mit Abu Jandal, die vor einigen Jahren aufgezeichnet wurden, und Bildern aus Guantanamo. Sie zeigen eine Landschaft emotionaler Verwüstung. Die dargestellte allgemeine Aussichtslosigkeit korrespondiert mit der Stimmung aus Hamdans Briefen, die er aus Guantanamo schreibt. Der Zuschauer sieht Hamdan nur ein einziges Mal auf einer verschwommenen Videoaufzeichnung, die sein erstes Verhör durch die Amerikaner zeigt. Bekannt wurde er weltweit, als ihm von der amerikanischen Regierung ein umstrittener Prozess gemacht wurde. Nach einem überraschenden Sieg vor dem Supreme Court ist Hamdan seit Januar 2009 wieder in Freiheit.

Die größte Leistung der Dokumentarfilmerin Poitras ist die Nähe, die sie zwischen dem Zuschauer und Jandal schafft. Sie hält die Kamera auf ihn, fokussiert ihn, wendet sich zu keiner Zeit ab und versucht uns so zu zeigen, wie seine Gedanken arbeiten. Sie erzählt keine Geschichte, sie lässt uns teilhaben und öffnet unseren Blickwinkel. Poitras zeigt einen außergewöhnlichen Mann: gutaussehend, lebhaft, eloquent aber auch auffällig gespalten in seinem Wesen. Gefangen zwischen seinem Kampf und den Ängsten eines gewöhnlichen mittelständischen Familienvaters.

Während seiner Fahrten durch Sanaa spricht Abu Jandal viel über seine Zeit bei Bin Laden, dem glorreichen Höhepunkt des Islam. Sein Leben in Jemen scheint ein Gegenteil dessen zu sein – wieso also verließ er Afghanistan? Nach und nach zeigt Poitras auf, dass Jandal nach 9/11 vom FBI verhört wurde und Namen von Al-Qaida Mitgliedern herausgab – unter anderem den seines Schwagers. Dies macht ihn unter Dschihadisten zum Verräter – vor dem Zuschauer zu einem nicht ernstzunehmenden Clown. Menschlich deutet es auf eine Liebe zum Leben und zu seiner Familie hin, die stärker ist als sein Fanatismus.

Poitras Film zeigt die stark widersprüchlichen Arten von Antrieb auf, denen ein Mensch unterworfen sein kann. In Jemen ist Jandal ein Anti-Held. Die Banalität seines Wesens, seine Eitelkeit, seine Geschwätzigkeit, seine Schuld machen ihn für den Zuschauer zu einem hoffnungsvollen Fall. Es scheint, dass nicht jeder, der in jungen Jahren dem Fanatismus verfallen ist, diesen für den Rest seines Lebens in sich tragen wird. In bestimmten Situationen und in einigen Menschen eröffnet Zielstrebigkeit den Weg zu gewöhnlichen Menschen Schwächen, Zurückhaltung und Anstand. (www.essentials-blog.com)

Quellen: Bild (www.slantmagazine.com)